Über Freundlichkeit, die Macht unserer Worte und einen freundlicheren Umgang mit uns selbst
Vor ein paar Tagen war ich abends mit unserem Franz unterwegs. Eine ganz gewöhnliche Gassirunde. Uns kam eine Frau entgegen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie schaute Franz an und lächelte. Dann schaute sie mich an und lächelte weiter. Es war ein warmes, echtes Lächeln, was von Herzen kam und was man auch in ihren Augen sehen konnte.
Mehr ist nicht passiert. Wir haben nicht miteinander gesprochen, wir kennen uns nicht und sind beide einfach weitergegangen. Trotzdem hat mir diese Frau den Abend versüßt.
Eigentlich verrückt, wenn man darüber nachdenkt. Ein Lächeln kostet nichts. Es braucht keine Vorbereitung, keine besondere Gelegenheit, noch nicht einmal Worte. Dennoch kann es etwas verändern. Für ein paar Sekunden entsteht zwischen zwei völlig fremden Menschen eine Verbindung. Ein kurzes Zeichen: Ich sehe dich. Ich begegne dir freundlich.
Auf dem restlichen Heimweg musste ich darüber nachdenken, wie einfach es sein könnte, unseren Alltag ein wenig freundlicher zu machen. Nicht durch große Gesten, sondern durch die Art, wie wir einander begegnen. Wir wissen schließlich nie, was der Mensch vor uns gerade mit sich herumträgt. Ob er einen wunderbaren Tag hatte oder einen beschissenen. Ob er sich gerade leicht fühlt oder mit etwas kämpft, von dem wir nichts wissen. Ein freundlicher Blick löst diese Probleme nicht. Aber er kann einen Augenblick verändern. Und auch das ist etwas wert.
Freundlichkeit ist mehr als gute Erziehung
Freundlichkeit wird gern als nette Zugabe betrachtet. Als etwas, das eben zum guten Benehmen gehört, dabei berührt sie etwas sehr Grundsätzliches in uns. Wir Menschen reagieren auf Zugewandtheit. Auf einen warmen Tonfall, ein Lächeln, echtes Interesse. Unser Nervensystem nimmt sehr genau wahr, ob eine Situation sicher, angenehm oder angespannt wirkt. Soziale Verbundenheit gehört eben zu unseren menschlichen Grundbedürfnissen.
Umso erstaunlicher ist es, wie rau unser Umgang miteinander geworden ist. Im Straßenverkehr, an der Supermarktkasse, in sozialen Medien und zunehmend auch im ganz normalen Miteinander. Gereiztheit scheint ansteckend zu sein. Freundlichkeit übrigens auch.
Noch interessanter wurde der Gedanke für mich, als ich ihn umgedreht habe. Denn während wir darüber sprechen, wie Menschen miteinander umgehen sollten, gibt es einen Menschen, dessen Umgangston wir häufig überhaupt nicht hinterfragen: unseren eigenen.
Hör dir einmal selbst zu
Ich achte in letzter Zeit verstärkt darauf, wie ich mit mir selbst spreche. Und ich erschrecke hin und wieder schon darüber, welches Vokabular ich dabei verwende.
„Wie blöd bist du eigentlich?“ ist schnell gesagt. „Ich bin so bescheuert.“ „Das war ja wieder klar.“ oder negative Aussagen, die mein Gewicht oder Aussehen betreffen. Solche Sätze rutschen uns heraus, ohne dass wir groß darüber nachdenken. Sie gehören so selbstverständlich zu unserem inneren Dialog, dass wir sie kaum noch wahrnehmen.
Würde vor uns ein Mensch stehen, den wir lieben, und ihm wäre ein Fehler passiert, würden wir vermutlich anders mit ihm reden. Wir würden ihn nicht wegen jeder Kleinigkeit beleidigen, seine Fähigkeiten grundsätzlich infrage stellen oder aus einem misslungenen Versuch gleich eine Charaktereigenschaft machen.
Bei uns selbst tun wir genau das erstaunlich häufig.
Das bedeutet nicht, dass wir uns fortan nur noch mit Lob überschütten sollen. Ich halte wenig davon, einen negativen Gedanken zwanghaft durch irgendeinen positiven Satz zu ersetzen, an den man selbst nicht glaubt. Wenn ich etwas gründlich vermasselt habe, muss ich mir nicht erzählen, dass ich alles großartig gemacht habe. Ich kann schlicht feststellen: Das war Mist. Das möchte ich beim nächsten Mal anders machen.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob ich mein Verhalten kritisiere oder mich selbst abwerte.
Worte machen etwas mit uns
Wir sprechen gern von der Kraft der Gedanken und davon, dass Worte uns programmieren. Ganz so mechanisch funktioniert unser Gehirn natürlich nicht. Ein unfreundlicher Satz über uns selbst schreibt nicht augenblicklich unser gesamtes Selbstbild um. Aber die Sprache, die wir ständig benutzen, prägt unsere Wahrnehmung.
Wer sich über Jahre immer wieder erzählt, er könne etwas nicht, sei ungeschickt, undiszipliniert, unattraktiv oder einfach „zu blöd“, hört diese Sätze irgendwann nicht mehr als momentane Bewertung. Sie werden vertraut. Und Vertrautes hinterfragen wir selten.
Darin liegt für mich die eigentliche Macht unserer Worte. Wir erzählen uns jeden Tag eine Geschichte darüber, wer wir sind. Es lohnt sich, dieser Geschichte einmal zuzuhören.
Das gilt übrigens auch für Gedanken. Nicht alles, was in unserem Kopf auftaucht, ist automatisch wahr. Gedanken sind keine Tatsachen. Wir können sie wahrnehmen, prüfen und auch zurückweisen. Allein der Moment, in dem wir bemerken „So rede ich gerade mit mir“, schafft bereits Abstand.
Und genau dort beginnt für mich Freundlichkeit mit uns selbst. Nicht mit einem Mantra. Nicht mit aufgesetztem positiven Denken. Sondern mit einem vernünftigeren, respektvolleren Ton sich selbst gegenüber.

Was Düfte damit zu tun haben
An dieser Stelle kommt für mich die Aromatherapie ins Spiel. Nicht, weil es ein ätherisches Öl gäbe, das negative Selbstgespräche einfach verschwinden lässt. So funktioniert Aromatherapie nicht. Düfte können aber wunderbare Anker sein.
Unser Geruchssinn ist eng mit Bereichen unseres Gehirns verbunden, die an Emotionen und Erinnerungen beteiligt sind. Deshalb kann uns ein Geruch innerhalb von Sekunden in eine bestimmte Stimmung, an einen Ort oder in eine längst vergangene Situation zurückversetzen. Genau diese starke Verbindung lässt sich auch ganz bewusst für kleine Rituale nutzen.
Man kann sich beispielsweise einen Duft aussuchen, den man mit dem Gedanken an Wertschäftung für sich selbst verbindet. Welcher das ist, muss keine Tabelle entscheiden. Lavendel kann sich für den einen wunderbar weich und beruhigend anfühlen und für den nächsten schlicht nach Omas Wäscheschrank riechen. Bergamotte, Weihrauch, Geranie, Copaiba oder ein ganz anderer Duft können ebenso richtig sein. Entscheidend ist die eigene Reaktion darauf.
Dieser Duft kann künftig genau dann zum Einsatz kommen, wenn wir merken, dass wir wieder in einen alten inneren Tonfall geraten. Nicht als Therapie und nicht, um einen unangenehmen Gedanken wegzuduften. Er dient schlicht als Unterbrechung.
Ölfläschchen öffnen, bewusst riechen, einmal tief atmen und sich selbst zuhören: Was habe ich gerade über mich gesagt? Würde ich diesen Satz genauso zu einem Menschen sagen, der mir wichtig ist?
Oft genügt diese kurze Unterbrechung schon, um anders weiterzumachen. Aus „Ich bin so bescheuert“ kann dann „Das war nicht besonders clever“ werden. Aus „Ich kriege überhaupt nichts hin“ wird „Das hat heute nicht funktioniert“. Der Sachverhalt bleibt derselbe. Nur die persönliche Abwertung verschwindet.
Das ist keine Schönfärberei. Es ist ein fairerer Umgang mit sich selbst.
Freundlichkeit beginnt näher, als wir denken
Die Frau auf meiner Abendrunde weiß nicht, dass ich später noch über ihr Lächeln nachgedacht habe. Für sie war es wahrscheinlich eine völlig selbstverständliche Geste. Für mich war es ein schöner Moment in meinem Tag.
Genau das gefällt mir an Freundlichkeit so sehr: Wir müssen nicht wissen, was sie beim anderen auslöst, damit sie einen Wert hat. Wir müssen dafür niemanden kennen und brauchen keinen besonderen Anlass. Ein freundlicher Mensch zu sein bedeutet auch nicht, immer gut gelaunt zu sein, alles hinzunehmen oder keine Grenzen zu setzen. Freundlichkeit und Klarheit schließen sich nicht aus.
Und was wir anderen zugestehen, dürfen wir ebenso auf uns selbst anwenden.
Wir dürfen Fehler benennen, ohne uns dafür zu beschimpfen. Wir dürfen unzufrieden sein, ohne uns abzuwerten. Wir dürfen uns verändern wollen und trotzdem freundlich mit dem Menschen umgehen, der wir heute sind.
Seit dieser Gassirunde denke ich jedenfalls öfter an diese fremde Frau. Sie hat Franz angelächelt, dann mich, und ist weitergegangen.
Es war eine Kleinigkeit. Aber eine verdammt schöne.
Hab es gut.
Deine Alex









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