Über diese besondere Zeit zwischen Fülle und Loslassen

Es gibt einen Moment im Jahr, für den wir keinen richtigen Namen haben.

Der Kalender sagt noch Sommer. Die Tage sind warm, die Gärten stehen in voller Pracht, Tomaten reifen in der Sonne, Brombeeren hängen dunkel an den Sträuchern und an manchen Abenden sitzen wir noch lange draußen. Und trotzdem fühlt es sich nicht mehr an wie vor vier Wochen.

Das Licht hat sich verändert. Es fällt flacher durch die Bäume, wird am späten Nachmittag weicher und taucht die Landschaft in dieses satte Gold, das der Hochsommer noch nicht kennt. Morgens liegt manchmal schon eine Kühle in der Luft, die im Juli undenkbar gewesen wäre. Auf den Feldern stehen Stoppeln, am Wegesrand werden die Gräser trocken, die ersten Blätter verlieren ihr kräftiges Grün. Selbst die Geräusche verändern sich. Der Sommer ist noch da – aber er wird leiser.

Vielleicht berührt uns diese Zeit gerade deshalb so sehr. Weil sie sich nicht entscheiden muss, was sie sein will.

Sie ist Sommer und schon ein wenig Herbst. Fülle und Rückzug. Reife und Neubeginn. Sie hält fest und lässt gleichzeitig los.

Und während wir Menschen Übergänge gern sauber voneinander trennen, zeigt uns die Natur jedes Jahr aufs Neue, dass das Leben so nicht funktioniert.

Wir mögen klare Verhältnisse

Wir lieben Anfang und Ende. Vorher und nachher. Alt und neu.

Wir möchten wissen, wann etwas abgeschlossen ist. Wann wir endlich einen Haken setzen können. Wann eine schwierige Phase vorbei ist, eine Entscheidung gefallen, ein Ziel erreicht oder ein neues Kapitel tatsächlich begonnen hat.

Dazwischen fühlen wir uns oft weniger wohl.

Denn Übergänge sind selten eindeutig. Manchmal haben wir uns innerlich längst von etwas entfernt und stehen äußerlich noch mittendrin. Manchmal beginnt etwas Neues, während das Alte noch lange nicht verschwunden ist. Wir können uns auf etwas freuen und gleichzeitig traurig darüber sein, was wir dafür zurücklassen. Wir können dankbar sein und trotzdem Veränderung wollen.

Das eine macht das andere nicht falsch. Schauen wir Ende August aus dem Fenster, sehen wir genau das überall.

Der Apfelbaum trägt Früchte und bereitet sich gleichzeitig auf seinen Rückzug vor. Eine Blüte kann noch einmal alles geben, während neben ihr längst Samen entstehen. Die Sonne besitzt noch Kraft, obwohl die Nächte bereits länger werden. Nichts davon widerspricht sich.

Die Natur verlangt keine eindeutige Gefühlslage.

Was der August besser kann als wir

Vielleicht ist der August gerade deshalb einer der interessantesten Monate des Jahres. Nicht, weil er spektakulär wäre. Sondern weil er zwei Welten miteinander verbindet.

Er hält den Sommer nicht krampfhaft fest. Er wirft ihn aber auch nicht vorzeitig hinaus. Er lässt ihn reifen. Das ist etwas anderes als Abschied.

Reife bedeutet, dass etwas seine ganze Fülle erreicht hat. Die Früchte werden süß, Samen sind ausgebildet, Kräuter tragen noch einmal ihre ganze aromatische Kraft in sich. Was im Frühling zaghaft begonnen hat, steht nun sichtbar vor uns. Und genau in diesem Höhepunkt beginnt bereits die Veränderung.

Eigentlich ist das eine erstaunlich tröstliche Vorstellung: Wir müssen nicht warten, bis etwas vollständig vorbei ist, bevor etwas Neues entstehen darf. Beides kann gleichzeitig da sein.

Wir dürfen einen Lebensabschnitt lieben und trotzdem spüren, dass wir weitergehen möchten. Wir dürfen an etwas hängen und es dennoch loslassen. Wir dürfen noch keine Ahnung haben, wie das Neue aussehen wird, und trotzdem merken, dass sich unsere Richtung verändert.

Vielleicht sind es gerade diese Zwischenzeiten, in denen besonders viel geschieht. Nicht sichtbar. Nicht mit einem großen Knall. Sondern so wie Ende August: Das Licht fällt plötzlich anders durchs Fenster – und irgendwann stellen wir fest, dass eine neue Jahreszeit begonnen hat.

Der Duft verändert sich mit

Wer viel draußen ist, kann den Wandel nicht nur sehen. Man kann ihn riechen.

Ein heißer Junitag riecht anders als ein warmer Tag Ende August. Jetzt mischen sich trockene Gräser, Erde, reife Früchte, Holz und Kräuter in die Luft. Nach einem Regenschauer steigt ein schwererer, erdiger Duft auf. Wälder verlieren langsam dieses helle, grüne Aroma des Frühsommers und bekommen etwas Wärmeres, Tieferes.

Auch Pflanzen verändern im Laufe des Jahres die Zusammensetzung und Menge ihrer flüchtigen Duftstoffe. Temperatur, Licht, Tageszeit, Entwicklungsstadium und Umweltbedingungen beeinflussen, welche aromatischen Verbindungen wir wahrnehmen. Der Duft einer Pflanze ist eben kein Parfum, das sie einmal aufgelegt hat und dann den ganzen Sommer trägt. Er gehört zu ihrem Leben.

Vielleicht nehmen wir deshalb Jahreszeiten so stark über die Nase wahr.

Ein Geruch kann uns innerhalb eines Augenblicks an einen bestimmten Ort oder in eine bestimmte Zeit zurückversetzen. Unser Geruchssinn ist eng mit Hirnregionen verbunden, die an Emotionen und Erinnerungen beteiligt sind. Deshalb müssen wir über einen vertrauten Duft nicht erst nachdenken. Wir fühlen ihn oft, bevor wir ihn benennen können.

Und irgendwann gibt es jedes Jahr diesen ersten Abend, an dem die Luft plötzlich nach Spätsommer riecht.

Drei Düfte zwischen Licht und Erde

Auch in der Aromatherapie lässt sich diese besondere Zeit wunderbar einfangen. Nicht mit einem „Öl für den August“, sondern mit Düften, die unterschiedliche Seiten dieser Wochen widerspiegeln.

Bergamotte trägt noch viel vom Licht des Sommers in sich. Frisch, zitrisch, aber weicher und runder als eine klassische Zitrone. Sie passt zu diesen goldenen Nachmittagen, an denen wir noch gar nicht an Herbst denken wollen.

Zypresse hat für mich etwas Bewegliches. Grün, klar, holzig und gleichzeitig leicht. Ein Duft, der weder schwer noch verspielt wirkt und deshalb wunderbar in Zeiten passt, in denen sich etwas verändert.

Zedernholz bringt schließlich jene warme, ruhige Tiefe hinein, die langsam wieder willkommen wird. Noch brauchen wir keine schweren Winterdüfte. Aber am Abend darf es bereits ein wenig erdiger werden.

Im Diffuser entsteht daraus eine Mischung, die genau zwischen den Jahreszeiten steht:

Zwischen Sommer & Herbst
3 Tropfen Bergamotte
2 Tropfen Zypresse
1 Tropfen Zedernholz

Kein Herbstduft. Kein Sommerduft. Genau dazwischen.

Und vielleicht eine Tasse Tee

Auch unsere Getränke beginnen sich in diesen Wochen wieder zu verändern. An heißen Nachmittagen darf es noch kalt und fruchtig sein. Aber plötzlich gibt es diesen einen Abend, an dem eine warme Tasse Tee wieder erstaunlich gut in den Händen liegt.

Auch das muss keine Entscheidung sein.

Ein Kräuter- oder Früchtetee kann am Nachmittag als gekühlter Aufguss im Glas stehen und am Abend warm getrunken werden. Minze, Zitronenverbene oder Melisse tragen noch die Leichtigkeit des Sommers in sich. Hagebutte, Apfel oder erste würzigere Noten weisen schon ganz vorsichtig in die andere Richtung.

Vielleicht schmecken solche kleinen Dinge gerade deshalb so gut, weil sie uns nicht sagen: Der Sommer ist vorbei. Sie sagen nur: Etwas verändert sich.

Wir müssen nicht immer schon wissen, was danach kommt

Es liegt eine eigentümliche Ruhe darin, der Natur beim Wechseln zuzusehen.

Kein Baum scheint nervös zu werden, weil der September vor der Tür steht. Keine Wiese fragt sich, ob sie genug aus diesem Sommer gemacht hat. Keine Pflanze ärgert sich darüber, dass ihre Blütezeit vorübergeht. Das Leben bewegt sich weiter.

Vielleicht dürfen wir uns davon etwas abschauen. Nicht jeder Übergang braucht sofort einen Namen. Nicht jede Veränderung verlangt unmittelbar eine Entscheidung. Und nicht jedes Loslassen bedeutet, dass etwas schlecht gewesen sein muss.

Manches war wunderschön. Und darf trotzdem enden. Manches Neue ist noch nicht sichtbar. Und darf trotzdem schon beginnen.

Wenn du in den nächsten Tagen draußen bist, schau einmal nicht danach, was bereits nach Herbst aussieht. Schau nach dem Dazwischen. Nach dem warmen Sonnenstrahl auf einem ersten trockenen Blatt. Nach den reifen Früchten neben verblühten Blüten. Nach dem Abend, der noch sommerlich warm ist und trotzdem früher dunkel wird.

Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Lektionen dieser Jahreszeit: Die Natur wartet nicht darauf, dass etwas vorbei ist, bevor etwas Neues beginnen darf.

Und wir müssen das auch nicht.

Mach es dir schön.
Deine Alex

PS: Und falls du jetzt denkst: Eigentlich wäre genau jetzt eine Tasse Tee schön – diesem Gedanken solltest du unbedingt nachgehen. ☺️ Ein paar sehr feine Begleiter dafür findest du bei uns. 🍃


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