Warum Harze Pflanzen schützen - und uns seit Jahrtausenden begleiten

Wer schon einmal im Wald mit der Hand über die verletzte Rinde einer Kiefer gestrichen hat, kennt es: diese klebrige, bernsteinfarbene Masse, die sich hartnäckig an den Fingern festsetzt und noch lange danach intensiv nach Wald riecht. Harz.

Für den Baum ist es weit mehr als ein Duftstoff. Harz gehört zu einem ausgeklügelten Schutzsystem, das Pflanzen im Laufe der Evolution entwickelt haben. Wird die Rinde verletzt, können Harze und andere Wundsekrete die beschädigte Stelle verschließen. Sie erschweren damit das Eindringen von Pilzen, Bakterien und anderen Schaderregern und können zugleich Fraßfeinde abwehren. Viele der enthaltenen Terpene und weiteren Pflanzenstoffe besitzen genau jene Eigenschaften, die an einer offenen Verletzung nützlich sind.

Der Baum kann schließlich kein Pflaster aufkleben. Er produziert sein eigenes.

Vielleicht liegt darin ein Teil der Faszination, die Harze seit Jahrtausenden auf Menschen ausüben. Wir haben sie verbrannt, verräuchert, auf die Haut aufgetragen, zur Konservierung verwendet, gehandelt, verschenkt und zu kostbaren Essenzen verarbeitet. Weihrauch und Myrrhe waren zeitweise so wertvoll, dass sich ganze Handelswege um sie entwickelten.

Heute begegnen uns einige dieser alten Pflanzenstoffe in einer anderen Form wieder: als ätherische Öle.

Ein Harz ist noch kein ätherisches Öl

Dabei lohnt sich eine wichtige Unterscheidung. Das Harz, das aus einer Pflanze austritt, ist ein komplexes Gemisch aus flüchtigen und nichtflüchtigen Bestandteilen. Wird daraus durch Wasserdampf- oder Hydrodestillation ein ätherisches Öl gewonnen, gelangen vor allem die flüchtigen Moleküle in das Destillat.

Harz und ätherisches Öl sind deshalb nicht dasselbe.

Das lässt sich besonders schön am Weihrauch erklären. Im Weihrauchharz finden sich unter anderem Boswelliasäuren, denen in der Forschung viel Aufmerksamkeit gilt. Diese schweren Moleküle sind jedoch praktisch nicht flüchtig und gelangen bei der normalen Wasserdampfdestillation nicht in nennenswertem Umfang ins ätherische Weihrauchöl.

Das Öl besitzt also eine eigene chemische Signatur - und damit auch andere Schwerpunkte als das ursprüngliche Harz.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Weihrauch - der Duft, der Räume verändert

Kaum ein Harz ist kulturell so aufgeladen wie Weihrauch. Gewonnen wird es aus verschiedenen Arten der Gattung Boswellia. Die Rinde wird angeritzt, das austretende Harz trocknet an der Luft und bildet jene hellen bis goldfarbenen Harztränen, die seit Jahrtausenden gehandelt werden.

Weihrauch wurde in Ägypten, Mesopotamien, auf der Arabischen Halbinsel und später im europäischen Kulturraum für religiöse Zeremonien, Räucherungen und traditionelle Anwendungen genutzt. Sein Rauch markierte heilige Räume und besondere Momente. Und genau das kann man auch heute noch nachvollziehen, ohne eine Kirche oder einen Tempel zu betreten.

Der Duft des ätherischen Weihrauchöls ist warm, harzig, leicht würzig und zugleich erstaunlich klar. Viele empfinden ihn als zentrierend und ruhig. Er ist deshalb ein wunderbarer Begleiter für Meditation, Atemübungen oder für jene Abende, an denen im Kopf noch zu viel Verkehr herrscht.

Chemisch unterscheiden sich Weihrauchöle je nach Boswellia-Art und Herkunft teilweise deutlich. Häufig finden sich Monoterpene wie α-Pinen, daneben zahlreiche weitere Terpene. Es gibt also nicht den einen Weihrauchduft - genauso wenig, wie es nur einen Wein gibt.

Aromatherapeutisch interessant: Weihrauch gehört zu den großen Ölen für Haut und Regeneration. Untersuchungen beschäftigen sich unter anderem mit seinem Einfluss auf Entzündungsprozesse, Wundheilung, Re-Epithelisierung, Kollagenbildung und den Umbau von Gewebe. Damit ist das Thema Zell- und Geweberegeneration weit mehr als nur traditionelle Überlieferung – auch wenn ein großer Teil der Forschung bislang aus Zell- und Tiermodellen stammt. Gleichzeitig wird Weihrauch aromatherapeutisch für Ruhe, Zentrierung und bewusste Atemmomente geschätzt. Wichtig dabei: Das ätherische Öl ist nicht mit dem gesamten Weihrauchharz gleichzusetzen; die bekannten Boswelliasäuren sind kaum flüchtig und finden sich deshalb im destillierten ätherischen Öl nicht in relevanten Mengen.

Myrrhe - die dunkle Schwester

Wenn Weihrauch Licht und Weite vermittelt, wirkt Myrrhe beinahe wie sein erdiger Gegenpol.

Myrrhe stammt überwiegend von Arten der Gattung Commiphora. Auch hier wird die Rinde verletzt, worauf ein zunächst flüssiges Sekret austritt, das anschließend zu dunkleren, rötlich-braunen Harzstücken aushärtet.

Ihre Geschichte reicht ebenfalls Jahrtausende zurück. Myrrhe wurde als Räucherstoff, Duftstoff und Bestandteil traditioneller Zubereitungen verwendet. Besonders interessant ist ihre lange Verbindung mit Mund- und Hautpflege - eine Tradition, die sich bis heute in zahlreichen Produkten wiederfindet.

Das ätherische Öl riecht warm, trocken, balsamisch, erdig und ein wenig geheimnisvoll. Myrrhe drängt sich nicht auf. Sie bleibt.

Ihre Chemie unterscheidet sich deutlich von der des Weihrauchs. Statt der häufig monoterpenreichen Weihrauchprofile spielen bei Myrrhe vor allem Sesquiterpene und sogenannte Furanosesquiterpene eine wichtige Rolle.

Vielleicht erklärt das auch ein wenig den vollkommen anderen Charakter dieser beiden alten Weggefährten.

Aromatherapeutisch interessant: Myrrhe ist weit mehr als ein schwerer, erdiger Duft. Traditionell gehört sie zu den wichtigen Essenzen für Haut, Schleimhäute und Mundpflege. Besonders interessant sind ihre Sesquiterpene und Furanosesquiterpene: In Laboruntersuchungen wurden unter anderem antibakterielle und antimykotische Eigenschaften beschrieben. Auch Wundheilung und Geweberegeneration werden untersucht. Für den Mundbereich gibt es inzwischen sogar klinische Studien: Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit fand Hinweise auf antimikrobielle Effekte und eine kleine Verbesserung von Plaque-Werten, während ein eindeutiger Effekt auf Zahnfleischentzündung und Heilung beim Menschen bislang nicht belegt ist.

Copaiba - wenn der Baum sein Öl preisgibt

Copaiba ist innerhalb unserer kleinen Harzfamilie der Sonderling.

Die Copaifera-Bäume Südamerikas liefern kein festes Harz im klassischen Sinne, sondern ein flüssiges Oleoresin. Es sammelt sich in Hohlräumen und Kanälen im Stamm und kann angezapft werden.

Schon das ist faszinierend: Man öffnet einen Baum - und heraus fließt eine goldene, aromatische Flüssigkeit. Aus diesem Oleoresin wird das ätherische Copaibaöl destilliert.

Chemisch fällt dabei vor allem ein Stoff auf: β-Caryophyllen. Copaibaöl kann davon außergewöhnlich große Mengen enthalten. β-Caryophyllen ist ein Sesquiterpen, das auch in schwarzem Pfeffer, Nelke und zahlreichen anderen Pflanzen vorkommt.

Besonders interessant ist seine Wechselwirkung mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System. β-Caryophyllen kann selektiv an CB2-Rezeptoren binden. Diese Rezeptoren finden sich unter anderem auf verschiedenen Zellen des Immunsystems und sind an zahlreichen Regulationsprozessen beteiligt.

Das macht Copaiba aus aromatherapeutischer Sicht zu einem ungewöhnlichen Öl: Sein Duft ist weich, balsamisch, holzig und vergleichsweise zurückhaltend - chemisch steckt dahinter jedoch eine ausgesprochen interessante Pflanze.

Und gerade in Mischungen ist Copaiba ein wunderbarer Vermittler. Es verbindet andere Düfte miteinander, rundet scharfe Kanten ab und gibt einer Komposition Wärme und Tiefe.

Aromatherapeutisch interessant: Aus seiner besonderen Zusammensetzung ergeben sich für Copaiba erstaunlich viele Forschungsfelder. Untersucht werden unter anderem entzündungsmodulierende, antioxidative und antimikrobielle Eigenschaften sowie mögliche Effekte auf Wundheilung und Geweberegeneration. Besonders spannend ist Copaiba auch mit Blick auf das Nervensystem: β-Caryophyllen wird unter anderem hinsichtlich Stressregulation, Neuroprotektion und entzündlicher Prozesse im Nervensystem erforscht. Erste Humanforschung zur Inhalation von β-Caryophyllen liefert zudem interessante Hinweise auf Effekte auf Angstempfinden, Herzfrequenz und EEG-Aktivität.

In der Aromatherapie macht diese Kombination Copaiba zu einem ausgesprochen vielseitigen Öl: Es wird in entspannenden und ausgleichenden Mischungen ebenso eingesetzt wie in Massage- und Körperölen oder in der Hautpflege. Bemerkenswert ist dabei seine Pflanzenchemie: Manche Copaibaöle können zu mehr als der Hälfte aus β-Caryophyllen bestehen – einem Terpen, das auch in Cannabis vorkommt und aufgrund seiner Wirkung am CB2-Rezeptor selbst als Phytocannabinoid bezeichnet wird. 

Kiefernharz - das Harz vor unserer Haustür

Für Harz müssen wir allerdings nicht nach Arabien, Ostafrika oder Südamerika reisen. Wir müssen nur in den Wald gehen.

Kiefern produzieren bei Verletzungen reichlich Oleoresin. Wer einmal frisches Kiefernharz zwischen den Fingern hatte, erkennt seinen Duft sofort: kräftig, frisch, terpentinartig, waldig.

Auch dieses Harz wurde über Jahrhunderte genutzt. Durch Destillation des Kiefernoleoresins entsteht Terpentinöl - nicht zu verwechseln mit den heute häufig angebotenen ätherischen Ölen aus Kiefernnadeln und -zweigen. Ausgangsmaterial und damit auch das chemische Profil unterscheiden sich.

Historisch war Kiefernharz ein enorm wichtiger Rohstoff. Daraus entstanden unter anderem Terpentin und Kolophonium; Harzprodukte wurden für Schiffe, Lacke, Leime und zahlreiche handwerkliche Anwendungen gebraucht.

Hier zeigt sich besonders schön, wie nah Pflanzenchemie und menschliche Kulturgeschichte beieinanderliegen.

Was für den Baum Wundverschluss und Verteidigung bedeutet, wurde für uns zum Werkstoff, Duftstoff und Handelsgut.

Aromatherapeutisch interessant: Beim Kiefernharz müssen wir unterscheiden: Das Harz selbst enthält neben seinen flüchtigen Bestandteilen auch schwerere Harzsäuren. Durch Destillation des Oleoresins entsteht Terpentinöl, ein stark monoterpengeprägtes ätherisches Öl, während aus Nadeln und Zweigen wiederum andere Kiefernöle gewonnen werden. Pinus-Harze und ihre Inhaltsstoffe werden unter anderem wegen antimikrobieller Eigenschaften untersucht; für verschiedene Kiefernöle werden zudem antioxidative und entzündungsmodulierende Aktivitäten beschrieben. Das Harzdestillat ist allerdings kein beliebig einsetzbares „Waldöl“: Terpentinöl kann Haut, Augen und Atemwege reizen bzw. sensibilisieren. Für die alltägliche Aromatherapie ist deshalb die genaue botanische Herkunft und der verwendete Pflanzenteil entscheidend.

Vier Harze, vier Charaktere...

Weihrauch wirkt hell, trocken und weit. Myrrhe ist dunkel, warm und erdig. Copaiba ist weich, rund und balsamisch. Kiefernharz riecht unmittelbar nach Wald, Rinde und frischer Verletzung eines Baumes. Und trotzdem verbindet sie etwas.

Sie entstehen dort, wo Pflanzen schützen, abdichten und sich gegen ihre Umwelt behaupten müssen. Genau darin liegt für mich etwas ausgesprochen Schönes: Viele der Düfte, die wir heute verwenden, weil sie uns Ruhe, Erdung oder ein Gefühl von Wald und Natur vermitteln, sind ursprünglich Teil eines pflanzlichen Schutzsystems.

Waldharz · Eine Diffusermischung

Zum Schluss darf natürlich gerochen werden:

3 Tropfen Weihrauch
2 Tropfen Copaiba
1 Tropfen Kiefer
1 Tropfen Myrrhe

Eine tiefe, warme Mischung für die ersten kühleren Abende. Die Kiefer bringt Wald und Frische hinein, Weihrauch öffnet die Mischung, Copaiba macht sie weich und Myrrhe setzt einen dunklen, erdigen Akzent.

Und beim nächsten Waldspaziergang lohnt sich vielleicht ein genauerer Blick auf die Stämme. Dort, wo eine Kiefer verletzt wurde und ein goldener Tropfen Harz über ihre Rinde läuft, sehen wir nicht einfach eine klebrige Substanz. Wir sehen einen Baum, der gerade auf seine Umwelt reagiert. Und einen Teil jener Pflanzenchemie, deren Duft uns Menschen schon seit Jahrtausenden begleitet.

Bis zum nächsten Streifzug durch die Welt der Pflanzen und Düfte.
Deine Alex

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