Warum Selbstfürsorge manchmal bedeutet, sich selbst einfach in Ruhe zu lassen.
In letzter Zeit habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht, wie anstrengend es inzwischen geworden ist, ein bewusstes Leben zu führen. Wir sollen unsere Gedanken beobachten, unsere Gewohnheiten hinterfragen, unsere Ernährung optimieren, ausreichend schlafen, regelmäßig meditieren und natürlich jeden Tag etwas für unsere persönliche Entwicklung tun. Selbst die Entspannung hat inzwischen einen festen Platz auf unserer To-do-Liste.
Dabei frage ich mich manchmal: Wann haben wir eigentlich angefangen, uns selbst wie ein Projekt zu behandeln, das niemals fertig wird?
Ich beschäftige mich seit Jahren mit Persönlichkeitsentwicklung, Gesundheit und Bewusstsein. Ich lese viel, hinterfrage gerne Dinge und finde es unglaublich spannend, wie wir Menschen funktionieren. Welche Gewohnheiten uns prägen, wie unsere Gedanken unser Erleben beeinflussen und welche Möglichkeiten wir haben, unser Leben selbst zu gestalten. Und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es bereichernd ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Aber manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir dabei ein wenig über das Ziel hinausschießen.
Denn irgendwo zwischen Achtsamkeit, Morgenroutine, Journal und der nächsten Erkenntnis über unsere Glaubenssätze scheint uns etwas abhandengekommen zu sein: die Fähigkeit, mit uns selbst einfach einmal zufrieden zu sein.
Die beste Version unserer selbst - und dann?
Es gibt einen Satz, der uns inzwischen auf Schritt und Tritt begegnet: „Werde die beste Version deiner selbst.“
Das klingt zunächst wunderbar. Nach Wachstum, Möglichkeiten und einem Leben, in dem wir unser Potenzial entfalten. Aber was bedeutet das eigentlich?
Gibt es irgendwo eine endgültige Version von uns, die wir eines Tages erreichen? Einen Zustand, in dem wir ausreichend gelassen, gesund, ausgeglichen, erfolgreich und glücklich sind? An dem wir morgens aufwachen und feststellen: So, jetzt bin ich fertig mit mir? Wohl kaum.
Denn kaum haben wir eine Gewohnheit verändert, wartet schon die nächste Herausforderung. Wir schlafen besser, könnten aber noch bewusster essen. Wir haben gelernt, Grenzen zu setzen, sollten aber vielleicht noch an unserer Kommunikation arbeiten. Wir meditieren regelmäßig, ärgern uns allerdings immer noch über den Autofahrer, der uns die Vorfahrt nimmt. Und schon gibt es wieder etwas zu verbessern.
Ich finde, darin steckt eine gewisse Ironie. Wir beschäftigen uns mit Persönlichkeitsentwicklung, um zufriedener mit unserem Leben zu werden, und entdecken dabei immer neue Gründe, warum wir mit uns selbst noch nicht zufrieden sein sollten. Was ursprünglich einmal der Selbstfürsorge dienen sollte, kann auf diese Weise zu einer ziemlich anspruchsvollen Dauerbeschäftigung werden.
Wenn sogar das Nichtstun einen Zweck erfüllen muss
Besonders speziell finde ich, wie wir inzwischen mit Erholung umgehen. Wir gehen spazieren, um unseren Cortisolspiegel zu senken. Wir meditieren, um unser Nervensystem zu regulieren. Wir schlafen ausreichend, damit unser Körper optimal regenerieren kann. Und selbst das gemütliche Bad am Abend wird gerne mit einer ganzen Reihe gesundheitlicher Vorteile begründet.
Versteht mich nicht falsch. Es ist wunderbar, dass wir heute so viel darüber wissen, was unserem Körper und unserer Psyche guttut. Aber muss eigentlich alles, was wir tun, einen messbaren Nutzen haben? Darf ich nicht einfach spazieren gehen, weil die Herbstsonne so schön durch die Bäume fällt? Ein Buch lesen, ohne dabei etwas lernen zu wollen? Mich mit einem Duft umgeben, weil ich ihn liebe, und nicht, weil er angeblich meine Konzentration verbessert, meine Stimmung reguliert oder meine Nerven beruhigt?
Gerade in der Aromatherapie begegnet mir diese Frage immer wieder. Wir beschäftigen uns intensiv mit den Eigenschaften ätherischer Öle. Wir wissen, dass bestimmte Duftmoleküle mit unserem Geruchssinn und den daran beteiligten Gehirnregionen interagieren. Wir interessieren uns für ihre chemischen Bestandteile und möglichen physiologischen Wirkungen.
Das ist faszinierend und ein wichtiger Teil dessen, was die Aromatherapie ausmacht. Aber manchmal darf ein ätherisches Öl auch einfach nur wunderbar duften. Ohne Anwendungsempfehlung, ohne therapeutisches Ziel und ohne die Erwartung, dass es irgendetwas an uns verändern muss.
Ein paar Tropfen Mandarine, Zedernholz oder Bergamotte im Diffuser, ein gemütlicher Platz am Fenster und eine halbe Stunde, in der niemand etwas von uns möchte. Nicht, um danach produktiver zu sein. Sondern weil es schön ist. Ist das nicht eigentlich Grund genug?
Aus Selbstfürsorge wird Selbstoptimierung
Es gibt einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen dem Wunsch, gut für sich zu sorgen, und dem Gefühl, ständig an sich arbeiten zu müssen.
Selbstfürsorge fragt: Was brauche ich gerade?
Selbstoptimierung fragt: Was könnte ich noch verbessern?
Beide Fragen können sinnvoll sein. Schwierig wird es nur, wenn die zweite die erste dauerhaft verdrängt.
Dann wird aus einer gesunden Ernährung ein Regelwerk, das wir möglichst fehlerfrei einhalten müssen. Aus Bewegung wird eine Verpflichtung. Aus Meditation eine weitere Aufgabe, bei der wir uns schlecht fühlen, wenn wir sie nicht erledigt haben.
Und aus dem Wunsch, bewusster zu leben, entsteht ein Alltag, in dem wir uns selbst ständig kontrollieren. Dabei ist unser Leben doch kein Wettbewerb, bei dem am Ende derjenige gewinnt, der die meisten guten Gewohnheiten angesammelt hat.
Wir dürfen auch einmal unvernünftig sein. Einen Nachmittag vertrödeln. Ein Stück Kuchen essen, ohne über seine Inhaltsstoffe nachzudenken. Eine Verabredung absagen, weil uns gerade nicht danach ist. Oder einen ganzen Sonntag verbringen, ohne hinterher das Gefühl haben zu müssen, irgendetwas Sinnvolles geleistet zu haben.
Das macht uns weder undiszipliniert noch weniger bewusst. Es macht uns menschlich. Und manchmal frage ich mich, ob wir nicht gerade dann besonders gut für uns sorgen, wenn wir aufhören, uns selbst ununterbrochen zu beobachten.
Das Leben ist kein Reparaturauftrag
Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich in diesem Zusammenhang.
In vielen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung begegnet uns die Vorstellung, dass hinter nahezu jedem unangenehmen Gefühl ein ungelöstes Thema steckt. Wir ärgern uns über jemanden? Dann sollten wir unsere Trigger hinterfragen. Wir sind traurig? Dann gibt es möglicherweise etwas aufzuarbeiten. Wir fühlen uns erschöpft? Dann stimmt vielleicht etwas mit unseren Grenzen, unserer inneren Haltung oder unseren Gewohnheiten nicht.
Natürlich können solche Überlegungen hilfreich sein. Manchmal erkennen wir dadurch tatsächlich Zusammenhänge, die uns vorher nicht bewusst waren. Aber nicht jedes Gefühl ist ein Hinweis auf ein Problem, das wir lösen müssen.
Manchmal sind wir einfach schlecht gelaunt. Manchmal nervt uns ein anderer Mensch tatsächlich. Manchmal sind wir traurig, ohne dass sich dahinter eine tiefere Erkenntnis verbirgt. Und manchmal sind wir müde, weil der Tag lang war. Wir müssen nicht jede Regung unserer Seele analysieren und aus jeder Erfahrung eine Lektion machen. Ich finde diesen Gedanken ausgesprochen befreiend.
Denn er erlaubt uns, das Leben wieder ein wenig unmittelbarer zu erleben. Ohne ständig darüber nachzudenken, was unsere Reaktionen über uns aussagen und wie wir beim nächsten Mal noch bewusster damit umgehen könnten. Wir dürfen fühlen, was wir fühlen. Und wir dürfen es manchmal auch einfach dabei belassen.
Die Natur kennt keinen Optimierungsplan
Wenn ich einen Blick nach draußen werfe, fällt mir auf, wie wenig sich die Natur um unsere Vorstellungen von ständiger Verbesserung schert. Ein Baum versucht nicht, die beste Version seiner selbst zu werden. Er wächst, solange die Bedingungen es zulassen. Er verliert seine Blätter, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Er übersteht trockene Sommer, kalte Winter und manchmal auch einen Sturm, der ihm einen Ast nimmt. Nicht jede Jahreszeit ist eine Wachstumsphase.
Gerade jetzt im Herbst lässt sich das wunderbar beobachten. Die Natur zieht sich zurück. Die Tage werden kürzer, die Pflanzen stellen ihr Wachstum ein, die Bäume werfen ihre Blätter ab. Was von außen wie Stillstand aussieht, ist Teil eines natürlichen Rhythmus.
Wir Menschen dagegen möchten am liebsten das ganze Jahr über Frühling haben. Ständig wachsen, neue Ziele erreichen, uns weiterentwickeln und möglichst keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. Dabei vergessen wir manchmal, dass auch Ruhe, Wiederholung und scheinbarer Stillstand ihren Platz im Leben haben.
Nicht jede Phase muss uns voranbringen. Manche Zeiten sind einfach dazu da, gelebt zu werden. Und womöglich liegt gerade darin eine Erkenntnis, die wir uns viel häufiger erlauben sollten: Wir müssen nicht jeden Tag über uns hinauswachsen. Es reicht vollkommen, wenn wir an manchen Tagen einfach wir selbst sind.

Die Erlaubnis, genug zu sein
Ich möchte auf all das, was ich in den vergangenen Jahren über mich selbst gelernt habe, nicht verzichten. Im Gegenteil. Viele Erkenntnisse haben mein Leben bereichert, mir neue Perspektiven eröffnet und dazu beigetragen, dass ich heute bewusster mit mir und meiner Umwelt umgehe.
Ich werde auch weiterhin Bücher lesen, Fragen stellen, Gewohnheiten hinterfragen und mich für neue Zusammenhänge begeistern. Aber ich möchte dabei eines nicht vergessen: Ich bin nicht erst dann wertvoll, wenn ich meine vermeintlichen Schwächen überwunden habe. Ich muss nicht vollkommen gelassen sein, um ein gutes Leben zu führen. Ich darf Fehler machen, alte Gewohnheiten behalten und gelegentlich gegen meine eigenen guten Vorsätze verstoßen. Und vor allem darf ich mit dem Menschen, der ich heute bin, zufrieden sein, auch wenn ich morgen noch etwas dazulernen möchte.
Vielleicht sollten wir persönliche Entwicklung ohnehin weniger als eine endlose Baustelle betrachten und mehr als eine Entdeckungsreise. Auf einer Reise geht es schließlich nicht ausschließlich darum, möglichst schnell am Ziel anzukommen. Wir bleiben stehen, genießen die Aussicht, machen Umwege und entdecken manchmal gerade dort etwas Schönes, wo wir überhaupt nicht gesucht haben. Warum sollte das bei unserer eigenen Entwicklung anders sein?
Und wenn wir heute einfach einmal nichts verändern?
Ich habe für diesen Tea & Trees ausnahmsweise keinen besonderen Vorsatz, keine Übung zur Selbstreflexion und auch keine kleine Herausforderung für die kommende Woche. Ich möchte dich nicht dazu auffordern, deine Gewohnheiten zu überprüfen, deine Gedanken zu beobachten oder eine neue Routine in deinen Alltag einzubauen. Davon gibt es schließlich schon genug. Stattdessen möchte ich dir etwas viel Einfacheres mitgeben.
Du darfst mit dir zufrieden sein, auch wenn noch längst nicht alles perfekt ist.
Du darfst einen schönen Moment genießen, ohne darüber nachzudenken, wie du ihn noch bewusster erleben könntest. Du darfst dich ausruhen, ohne deine Erholung rechtfertigen zu müssen. Und du darfst einen Tag verstreichen lassen, an dem du weder etwas Besonderes erreicht noch eine wichtige Erkenntnis gewonnen hast.
Das Leben besteht schließlich nicht nur aus den Dingen, die wir noch werden, lernen oder verändern möchten. Es besteht vor allem aus all den Augenblicken, die währenddessen stattfinden. Und es wäre doch schade, wenn wir vor lauter Arbeit an uns selbst vergessen würden, sie zu genießen.
Wir sind keine unfertigen Projekte. Wir sind Menschen, die leben. Und das darf manchmal vollkommen ausreichen.
Mit einer liebevollen Portion Gelassenheit,
deine Alex









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